Häusergeschichte: Gritschstraße 26
Eine hundertjährige Schönheit
- 1926
- hochgeladen von Heimat- und Kulturkreis Pfaffenhofen a.d.Ilm
Vor 100 Jahren – in den 1920-er Jahren – entstand westlich des Stadtzentrums von Pfaffenhofen ein neues Viertel, das sogenannte „Beamtenviertel“. Die Häuserchronik von Heinrich Streidl nennt an zahlreichen Stellen die Berufsbezeichnung des Grundstückkäufers bzw. Hauseigentümers, wie z.B. Inspektor, Zollobersekretär, Schulrat, Krankenkassenverwalter, Bezirksbaumeister und Amtmann.
Charakteristisch für das Viertel sind die Mansard-Dächer, benannt nach ihrem Erfinder, einem französischen Architekten des 17. Jahrhunderts. Sie machen die Dachschräge besser nutzbar, weil die untere Hälfte der Dachfläche steiler ist als die obere.
Eines dieser Häuser steht in der Gritschstraße 26. Hier kaufte am 2. Oktober 1925 der „Messungsamtmann“ Max Bauer das Grundstück von 690 m² für ein Haus, das er sich schon 2024 vom Architekten Feye Peins aus Pasing hatte entwerfen lassen.
Auf diesem Entwurf ist das Dach allerdings noch abgerundet statt abgeknickt. Ansonsten wurde die Planung identisch umgesetzt.
Bei genauerem Hinsehen erkennt man sogar die vorgesehene Nutzung der einzelnen Innenräume: Im Keller gab es z. B. eine Waschküche, im Erdgeschoss befand sich eine Toilette, eine geräumige Wohnküche und an das Wohnzimmer schloss sich ein Veranda-Erker unterhalb des Balkons an. Im ersten Stock lag neben dem Schlafzimmer ein Gästezimmer und ein „Herrenzimmer“ und das Bad (oberhalb der Toilette im Erdgeschoss). Ganz oben unter dem Dach war neben dem Speicher auch noch ein kleiner Raum für eine Magd eingeplant. Diese Raumaufteilung sagt bereits etwas über den sozialen Status und sogar die Lebensgewohnheiten der Eigentümer aus.
Sie konnten sich eine Magd leisten, die mit Sicherheit die Aufgabe hatte, in der Waschküche im Keller die Wäsche zu waschen, denn Waschmaschinen gab es noch nicht. Dafür hatte das Haus bereits ordentliche Sanitäranlagen.
Dass die Hausbesitzer zur „besseren Gesellschaft“ gehörten, zeigt auch das „Herrenzimmer“. Das war im Allgemeinen ein mit dunklen, bequemen Möbeln ausgestatteter Raum, in den sich der wohlhabende Herr des Hauses zurückziehen konnte zum Rauchen, Lesen oder sich z. B. mit seinen Sammlungen zu beschäftigen. Bei Gesellschaften zogen sich die Herren gerne nach dem Diner dorthin zurück um sich z. B. bei einer Zigarre zu unterhalten, während die Damen im Salon unter sich blieben. Ob es bei den Bauers ebenso lief, ist nicht überliefert. Vielleicht benutzte Max Bauer den Raum als Büro.
Über 60 Jahre lang blieb das Haus in Familienbesitz, bis die verwitwete Emma Luise Bauer ins Pflegeheim nach Wolnzach musste und ihre Tochter, die selbst schon ein eigenes Haus besaß, ihr Elternhaus 1990 an Rudolf Appel verkaufte.
Da es nicht unter Denkmalschutz steht, durfte es der neue Besitzer nach Belieben verändern. Zunächst begann er mit der Erweiterung im Kellergeschoss und durch einen Garagen-Anbau. Ansonsten beließ er die Raumaufteilung wie sie war. Nach 60 Jahren war das Haus natürlich recht renovierungsbedürftig: Das Dach, die Sanitäranlagen, die Leitungen und die Fußböden mussten erneuert werden. Abgesehen davon hat Rudolf Appel bei der weitgehend eigenhändigen Renovierung möglichst viel im Original erhalten, oben angefangen beim Mansarddach mit den raffiniert eingebauten Schränken, über die individuell gestalteten Fenster (einige mit diagonalen Sprossen) über alle Türen, sowohl die Haustür als auch die Innentüren mit hölzernen Türklinken und sogar mit dem ursprünglichen Glas, über die Eichentreppe mitsamt dem Schutzgeländer bis hinunter zum Keller mit Kappgewölbe sowie Resten des ursprünglichen Ziegelbodens.
Ursprünglich besaß die Südseite einen Bodenerker mit dem Kellerzugang, darüber einen geschlossenen Altan, auf dem der Balkon lag, wie auch die Planzeichnungen zeigen.
Nach dem Besitzerwechsel wurde im Kellergeschoß dieser Erker erheblich erweitert und bietet nun einen großzügigen Blick auf den liebevoll angelegten Garten. Dort stehen noch immer Bäume aus den 1920-er Jahren, z. B. ein Jakobsapfel, den es nur noch selten gibt.
Die Erweiterung im Kellergeschoß erstreckt sich auch westlich des Hauses, so dass Raum für eine Werkstatt bleibt und darüber eine große Fläche für eine Terrasse. Da es sich um ein Hang-Grundstück handelt, versinkt die Erweiterung zum großen Teil im Boden und fällt von außerhalb kaum auf.
Als „Herrenzimmer“ wird der Raum im ersten Stock heute nicht mehr genutzt, und eine Magd gibt es auch nicht mehr. Aber es lebt sich gut in diesem hundertjährigen Haus. Und der Besitzer erfreut sich täglich an seinen historischen Besonderheiten.
Text: Ursula Beyer 2026, autorisiert durch Rudolf Appel
Fotos: Heimat- und Kulturkreis Pfaffenhofen a. d. Ilm e. V.
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