Solidaritätsprojekt „Bodenallianz“ für mehr nachhaltige Landwirtschaft in Pfaffenhofen

Der Nachhaltigkeitsmanager Peter Stapel (links) und Joseph Amberger analysieren die Zusammensetzung des Bodens.
  Der indische Bundesstatt Sikkim ist 6.814 Kilometer Luftlinie von Pfaffenhofen entfernt – und doch rücken die beiden Kulturen jetzt ganz nah zusammen. Denn was im flächenmäßig zweitkleinsten Bundesstaat Indiens schon seit 2016 gang und gäbe ist, soll im Rahmen der Bodenallianz-Initiative jetzt auch in Pfaffenhofen angestoßen werden. Auch hier soll im wahrsten Sinne des Wortes der Boden umgekrempelt werden. Weg von der Agrarchemie hin zur nachhaltigen Landwirtschaft – das ist das klare Ziel des Projektes.

In Sikkim sind seit Januar 2016 sämtliche landwirtschaftlichen Flächen bio-zertifiziert, das heißt: Alle 66.000 Kleinbauern verzichten auf Pestizide und Kunstdünger. In Pfaffenhofen wurden jetzt die ersten Schritte unternommen, um dem indischen Vorbild mit gutem Beispiel zu folgen.

Nur gemeinsam sind wir stark
„Um etwas zu ändern und den Wandel anzustoßen, müssen wir das Gemeinschaftsgefühl stärken.“ Peter Stapel, seines Zeichens Nachhaltigkeitsmanager bei der Stadt Pfaffenhofen möchte im engen Schulterschluss mit den Landwirten und Projektleiter Joseph Amberger in den nächsten fünf Jahren 20 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche im Stadtgebiet auf ökologische Bewirtschaftung umstellen. Dabei helfen soll die Bodenallianz-Initiative, die der Stadtrat einstimmig auf den Weg gebracht hat. Mit entscheidend ist dabei aber auch die Unterstützung der Pfaffenhofener Bürger, und zwar nicht nur ideell, sondern ganz konkret durch ihr Kaufverhalten.

Den Öko-Anteil erhöhen
„Bayernweit liegt der Öko-Anteil an der landwirtschaftlichen Fläche heuer schon bei knapp zehn Prozent“, erklärt Peter Stapel. „Wir in Pfaffenhofen liegen aktuell bei sechs Prozent. Mit dem Bodenallianz-Projekt wollen wir den vor uns liegenden Weg gemeinsam und auf Augenhöhe mit den Landwirten beschreiten. Konkret setzen wir auf einen offenen Dialog. Wir wollen kein starres Konzept vorgeben, sondern dieses gemeinsam mit den Landwirten in unserer Region erarbeiten. Wir fördern aber keineswegs nur die Komplett-Umstellung auf ökologische Landwirtschaft, sondern wir unterstützen auch Maßnahmen, die dazu beitragen, gesunde, fruchtbare Böden hervorzubringen und die biologische Vielfalt zu erhalten, wiederherzustellen und zu schützen. So soll die Lebensgrundlage für Menschen, Tiere, Pflanzen und die Landwirtschaft nachhaltig gesichert werden.“

Was aber hat es mit dem Bodenallianz-Projekt auf sich? Entstanden ist dieses bayernweit bislang einmalige Projekt im Zuge der Pfaffenhofener Nachhaltigkeitserklärung, als die Situation der Böden auf landwirtschaftlich genutzten Flächen im Stadtgebiet beleuchtet wurde. Joseph Amberger wurde damals mit einer ersten Bestandsaufnahme beauftragt, um daraus Handlungsmöglichkeiten abzuleiten. Dabei wurde deutlich, dass die durch den Hopfenanbau geprägte Region um Pfaffenhofen einen relativ geringen Anteil an ökologisch bewirtschafteten Flächen aufweist.

Und genau das soll sich jetzt ändern: Gemeinsam mit den Landwirten soll im Rahmen des Bodenallianz-Projektes in den nächsten Jahren eine Steigerung der Öko-Flächen und damit eine nachhaltige Verbesserung erreicht werden. Das Ziel wäre, dass bis zum Jahr 2023 rund 20 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen ökologisch und naturnah – also auch pestizidfrei – bewirtschaftet werden. Doch nicht nur reiner Öko-Landbau, sondern auch die Einhaltung naturnaher Bewirtschaftungsformen, eine bessere Bodenbearbeitung oder aber die Belassung von Randstreifen sind mit dem Bodenallianz-Projekt abgedeckt.

Die Stadt gibt eine Million
Die Stadt Pfaffenhofen stellt von 2019 bis 2021 jährlich 365.000 Euro, also insgesamt eine Million Euro, für die Bodenallianz zur Verfügung. Mit dem Geld werden Fortbildungen, Informationsveranstaltungen und Exkursionen sowie auch zeitlich begrenzte Prämien finanziert. „Das Pfaffenhofener Anreizprogramm ist in dieser Form bislang einmalig“, erklärt Bürgermeister Thomas Herker. „Insgesamt gibt es 186 landwirtschaftliche Betriebe im Stadtgebiet, viele davon sind im Nebenerwerb tätig. Wir in Pfaffenhofen haben also einen guten Boden für dieses große Vorhaben. Aber: Nicht nur die Landwirte sind gefordert. Das Bodenallianz-Projekt erfordert ein allgemeines Umdenken. Wir sehen eine große Verantwortung für alle Bürger und zukünftige Generationen, notwendige Lebensgrundlagen zu erhalten. Nur zusammen können wir eine Änderung der aktuellen Situation für eine erfolgreiche ländliche Entwicklung und eine lebenswerte Zukunft gestalten“.

Agrar-Chemie als falsche Lösung

Joseph Amberger bringt es auf den Punkt: „Vor 40 Jahren schien die chemische Bearbeitung der Böden die richtige Lösung zu sein. Die Konsequenz: Die bäuerliche Landwirtschaft wurde immer mehr von der chemischen Landwirtschaft ersetzt. Heute wissen wir es besser, heute sind die Folgen für uns alle ersichtlich: Durch die intensive Nutzung in der konventionellen Landwirtschaft haben sich die Äcker, Wiesen und Weiden grundlegend verändert und bieten kaum noch Lebensraum für wildlebende Tiere und Pflanzen. Ackerwildkräuter wie der Acker-Rittersporn, der Sandmohn oder die Acker-Lichtnelke sind nur noch selten anzutreffen.

Im Grünland ist die Situation ähnlich: Starke Düngung und häufige Mahd begünstigen wenige, besonders wuchskräftige Pflanzenarten auf Kosten vieler konkurrenzschwacher Arten. Kurze Nutzungspausen erlauben den Wiesenvögeln nicht, erfolgreich zu brüten. Durch Entwässerung von Niedermooren sind Arten, die auf feuchte Wiesen angewiesen sind, vielerorts ausgestorben.“

„Wir müssen jetzt eine Lösung finden“, ist Amberger überzeugt. „Das erfordert ein Umdenken bei uns allen. Zwar sprechen sich viele Menschen für eine heile Natur aus, dafür zahlen wollen sie aber nicht. Aber wie so oft im Leben ist alles ein Geben und Nehmen: Die Bürger profitieren von der Ernte der Bauern – deshalb müssen sie im Gegenzug den Bauern, die ihnen ökologisch angebaute Lebensmittel bieten, das Überleben sichern.“

Die Umstellung von der konventionellen Landwirtschaft hin zum Öko-Landbau ist für viele Landwirte eine Herausforderung. Stapel und Amberger wollen die Landwirte, die sich für eine Umstellung entscheiden, ganz intensiv unterstützen – nicht nur finanziell, sondern auch mit geballtem Know-how: „Gemeinsam mit Experten aus den verschiedensten Bereichen wollen wir sie begleiten, um ihnen die teilweise irrationale Angst vor der Umstellung zu nehmen. Geplant ist beispielsweise ein Bodenpraktiker-Seminar, bei dem es konkret um die Verbesserung des Bodens geht.“

Jeder Bürger ist gefordert
Aber nicht nur die Landwirte, sondern auch die Verbraucher müssen umdenken. Wer mehr Artenvielfalt, mehr Klimaschutz und letztlich auch mehr Bodenschutz will, kann seinen Beitrag leisten, indem er die am Ort produzierten Produkte kauft. Denn nachhaltiger Landbau kann nur erfolgreich gelingen, wenn jeder mithilft – also wenn die Stadt den Landwirten den Boden bereitet, die Landwirte sich für den Umstieg zum Öko-Landbau entscheiden und die Bürger diese Entscheidung auch entsprechend durch ihren Einkauf honorieren.
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