Der geheime Pfaffenhofener „Fernmeldebunker“ und seine Geschichte

Luftaufnahme aus dem Jahr 1968 mit Blick auf das Terrain von Südwesten her. Das von einem 317,4 Meter langen Stacheldrahtzaun umschlossene Gelände (Gesamtfläche 11361m²) wird vom Verwaltungsgebäude (unten) und dem links versetzt stehenden Garagenbau dominiert. Unter der von einem Rundweg umgebenen Fläche verbirgt sich die unterirdische Fernmeldeanlage. Von oben erkennbar sind die Zu- und Abluftbauten mit Schutzdächern.
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  • Luftaufnahme aus dem Jahr 1968 mit Blick auf das Terrain von Südwesten her. Das von einem 317,4 Meter langen Stacheldrahtzaun umschlossene Gelände (Gesamtfläche 11361m²) wird vom Verwaltungsgebäude (unten) und dem links versetzt stehenden Garagenbau dominiert. Unter der von einem Rundweg umgebenen Fläche verbirgt sich die unterirdische Fernmeldeanlage. Von oben erkennbar sind die Zu- und Abluftbauten mit Schutzdächern.
  • hochgeladen von Stadtarchiv Pfaffenhofen an der Ilm

Ein Relikt aus der Zeit des „Kalten Krieges“, als sich die Supermächte USA und UdSSR hochgerüstet gegenüberstanden, steht bis heute auf Pfaffenhofener Stadtgebiet. Die 1966 in Betrieb genommene „Grundnetzschalt- und Vermittlungsstelle der Bundeswehr“ (GSVBw66), Bestandteil eines deutschlandweit angelegten Fernmeldenetzes, entstand unter höchster Geheimhaltung und ließ unter der einheimischen Bevölkerung viele Gerüchte kursieren.

Der „Kalte Krieg“ kommt nach Pfaffenhofen - Die Stadt wird Standort einer „Grundnetzschalt- und Vermittlungsstelle“

Die Teilung Deutschlands als Folge der sich nach 1945 abzeichnenden Spaltung Europas in ein westliches und ein östliches Staats- und Militärbündnis führte im Jahr 1955 zur Aufnahme Deutschlands in die NATO als dem unter Führung der USA stehenden Militärbündnis der westeuropäischen Staaten.
Unter dem Eindruck des erst rund 15 Jahre zurückliegenden Weltkriegs und der massiven Bedrohung durch Atomwaffen mit der Gefahr eines Dritten Weltkriegs entwickelten führende Kräfte der 1956 geschaffenen Bundeswehr ein eigenes Grund- und Vermittlungsnetz, das im Ernstfall die Kommunikation der militärischen Stellen bei einem Angriff auf den Osten aufrechterhalten sollte. Bei der Festlegung geeigneter Orte zum Aufbau eines über die Bundesrepublik Deutschland verteilten Netzes von Fernmeldestellen war auch Pfaffenhofen als Standort einer solchen Einrichtung vorgesehen.

Bau einer unterirdischen Fernmeldeanlage an der Ingolstädter Straße

Nach 1959 aufgenommenen Verhandlungen zwischen Vertretern des Bundes und der Stadt Pfaffenhofen a.d.Ilm wurde an der äußeren Ingolstädter Straße, auf Höhe des heutigen Freibades, ein „Fernmeldebunker“ errichtet. Zahlreiche Gerüchte unter der einheimischen Bevölkerung und Rundfunk-Propaganda aus dem Osten, die den Pfaffenhofenern einen Atombombenbunker vor Ort ankündigte, begleiteten die Erbauung der Anlage in den Jahren 1960 bis 1965. Am 2. Mai 1966 wurde in der unterirdischen Fernmeldeanlage, die eine Grundfläche von 29x47 Meter aufwies und zwischen 15 und 35 Millionen DM kostete (die genaue Zahl blieb geheim), der Betrieb aufgenommen.

Militärischer Fernschreib- und Fernsprechdienst im Untergrund

Zweck der Anlage, die unter militärischer Leitung stand, war nicht die Lagerung von Atomwaffen sondern die Vermittlung des militärischen Fernmeldedienstes. Das für den Fernsprech- und Fernschreibdienst zuständige Zivilpersonal, das in drei Schichten mit einer Stärke von 15 bis 20 Personen arbeitete, musste „unter Tage“ bei schwierigen klimatischen Bedingungen die Kommunikation abwickeln. Unter Berücksichtigung dreier Geheimhaltungsstufen waren Fernschreiben zu verfassen oder Sprechverbindungen zwischen militärischen Einrichtungen zu schalten.

Besonderheiten des Fernmeldebetriebsgebäudes

Die in einem Kiesbett „schwimmende“ und auf Federn ruhende Anlage hatte besondere Bauvorgaben zu erfüllen. Sie sollte sogar einem Atomschlag standhalten können, um das Fernmeldesystem der Bundeswehr selbst im Ernstfall weiter funktionsfähig zu halten. Außenwände von 3,5 Meter Stärke, gedämpfte Böden zum Schutz der hochmodernen technischen Anlagen und eine eigene, vom öffentlichen Netz unabhängige Strom- und Wasserversorgung sollte den Bediensteten das Überleben eines Atomschlags ermöglichen.
Gleich hinter dem Eingangsbereich befanden sich Räume, in denen Personen, die mit atomaren, biologischen oder chemischen Waffen oder Substanzen (ABC-Waffen) in Berührung gekommen waren, dekontaminiert werden sollten. Da der Ernstfall nie Wirklichkeit wurde, kam der Dekontaminierungsbereich nie zum Einsatz, auch die „Erschütterungsfestigkeit“ der Fernmeldeanlage wurde nie auf die Probe gestellt.

„Tauwetter“ zwischen West und Ost: Der Übergang der Anlage an die Stadt Pfaffenhofen

Mit dem Ende des „Kalten Krieges“ gegen Ende der 1980-er Jahre, das untrennbar mit dem Generalsekretär der KPdSU Michail Gorbatschow und den Schlagworten „Glasnost“ (Offenheit) und „Perestroika“ (Umgestaltung) verbunden ist, veränderte sich das weltpolitische Klima, eine Periode der Entspannung setzte ein. Die Wiedervereinigung Deutschlands war am 3. Oktober 1990 offiziell vollzogen, für das westliche Verteidigungsbündnis fiel das Feindbild aus dem Osten weg und die Bundeswehr erachtete das bestehende Fernmeldesystem als technisch überholt und in dieser Form nicht mehr notwendig. Am 25. März 1997 wurde der Fernmeldeverkehr in Pfaffenhofen eingestellt.
Die „GSVBw66“, die der Bund auf Grundlage eines mit der Stadt Pfaffenhofen geschlossenen Erbbaurechtsvertrages errichtet hatte, fiel nach Kündigung dieser Vereinbarung mit Wirkung zum 1. Juni 1998 an die Stadt Pfaffenhofen a.d.Ilm zurück. Die Zahlung von Ablösegeldern in sechsstelliger Höhe konnte die Stadt nach jahrelangen Verhandlungen abwenden, für 30000€ ging die gesamte Anlage schließlich in den Besitz der Stadt bzw. der Heiliggeist- und Gritsch-Stiftung als Eigentümer des Grundstücks über.

Zivile Nutzung der ehemaligen Fernmeldeanlage

Bereits seit 1999 konnten mit Zustimmung des Bundes einheimische Vereine und Musikgruppen Räume des oberirdischen Verwaltungsgebäudes, in dem unter anderem die diensttuenden Soldaten ihre Unterkünfte hatten, als Lager- bzw. Probenräume nutzen. Schwieriger gestaltete sich eine künftige Verwendung des „Bunkers“. Eine Sprengung des unterirdischen Betonkörpers war faktisch nicht machbar und kaum zu finanzieren.
Im Rahmen eines regenerativen Energiekonzepts diskutierte man im Jahr 1999 die Verwendung des leerstehenden Fernmeldebunkers zur Durchführung eines solaren Nahwärmekonzepts. Im Herbst 2000 lief bei der Stadt ein Antrag des Bayerischen Landestauchverbandes ein, im Bunker ein „Bayerisches Bunkertauchzentrum“ einrichten zu dürfen. Der Pfaffenhofener Künstler Manfred Habl schließlich erhielt die Erlaubnis, im August 2007 einige Tage im Bunker zu wohnen, ihn als „think tank“ zu nutzen und seine Erfahrungen in Wort und Bild festzuhalten.

Neues Leben auf der Anlage - Der InterKulturGarten

Die im Herbst 2012 gebildete Gestaltungsgemeinschaft „InterKulturGarten Pfaffenhofen an der Ilm“ entwickelte ein für alle Kulturen offen stehendes Projekt zur Gestaltung eines Gartens auf dem Terrain der ehemaligen Fernmeldeanlage. Mit dem Beginn konkreter Projekte im Jahr 2013 und ersten Anpflanzungen war der Auftakt für das langfristig gedachte Projekt gemacht. Unter dem Leitmotiv der Kleinen Gartenschau in Pfaffenhofen 2017 „Natur in der Stadt Pfaffenhofen“ ist im InterKulturGarten ein Gestaltungsprojekt von Bürgern und Bürgerinnen im Entstehen, das stets neuen Ideen und Mitmachern offensteht. Das Gelände der ehemaligen Fernmeldeanlage erhält damit wieder eine „bunte“ Nutzung, wie sie bis 1960 mit den dort bestehenden Heimgärten bereits bestand.

Autor:

Stadtarchiv Pfaffenhofen an der Ilm aus Pfaffenhofen

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