Der neue Mutter(all)tag
Familienmanagement in Coronazeiten

Wenn ihr Mann Philipp im Homeoffice arbeitet, verbringt Constanze Brzezinsky mit ihren Kindern Elise und Wilhelm und den beiden Hunden jeden Tag viel Zeit im Freien.
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  • Wenn ihr Mann Philipp im Homeoffice arbeitet, verbringt Constanze Brzezinsky mit ihren Kindern Elise und Wilhelm und den beiden Hunden jeden Tag viel Zeit im Freien.
  • Foto: Constanze Brzezinsky
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Seit etwas mehr als einem Jahr leben wir mit dem Virus. Es gibt kaum einen Bereich, den die Pandemie mehr verändert hat, als unser Leben zuhause. In den Familien müssen Eltern – meist die Mütter – plötzlich Aufgaben übernehmen, die zuvor ein ganzes Netzwerk erfüllt hat. Mütter und Väter sind neben ihren ‚normalen‘ elterlichen Aufgaben und ihren Berufen – oft am Arbeitsplatz zuhause – plötzlich Lehrkraft, Animateurin, beste Freundin, Trainingspartner, IT-Berater oder Spielgefährten bis hin zum Aggressionsventil für ihren pubertierenden Nachwuchs. Wenn in diesem Monat die Familien Muttertag und Vatertag feiern, wird so manchen Vätern, Müttern oder Großeltern erst richtig bewusst, dass es schon über ein Jahr her ist, seitdem sie all diese Aufgaben übernommen und ihren Familienalltag komplett umgekrempelt haben.

Alles plötzlich anders
Rein beruflich hat sich für einige Eltern zunächst wenig geändert. Tatjana Lang arbeitet als Tierärztin am Schlachthof, also in einem systemrelevanten Beruf. Außerdem hilft sie in ihrer Freizeit ehrenamtlich beim Roten Kreuz im Covid-Impfzentrum Pfaffenhofen. Ihre Kinder Quirin (11) und Viktoria (14) sind schon weitgehend selbstständig. Trotzdem hat sich vor allem das Leben zuhause im Vergleich zu früher verändert. „Wenn ich vormittags nach der Arbeit nach Hause gekommen bin, dann war ich alleine, bin noch schnell mit dem Hund raus und habe mich dann hingelegt. Erst mittags sind die Kinder nach Hause gekommen. Jetzt ist immer jemand da. Auch mein Mann ist als Lehrer jetzt mehr daheim. Ich kann mich schon noch hinlegen, aber es ist anders. Ich verbringe meine Freizeit nicht mehr alleine.“

Kita als Stütze

Thomas Neißendorfer und seine Frau Roswitha Bauer sind Narkoseärzte und arbeiten als Notärzte. Sie sind jetzt beruflich noch mehr gefordert, haben Schichtdienst und lange Bereitschaftsschichten. Die große Tochter Sophia kommt mit ihren zwölf Jahren damit trotz Unterricht zuhause schon gut zurecht, berichtet Vater Thomas. Die beiden kleinen Jungs Anton (5) und Emil (1) sind jedoch auf die Notbetreuung in der Kita angewiesen. „Das funktioniert phänomenal gut. Da ist der Burzl-
baam echt ein Highlight. Ich weiß das aus der Klinik von Kollegen, die haben Schwierigkeiten, die Notbetreuung zu organisieren. Die Leute im Burzlbaam wissen, was wir arbeiten, und da ist es dann möglich, dass wir noch mehr tun können als vorher.“ Wenn Mama Roswitha Bereitschaftsdienst hat, ist natürlich der Papa gefragt. „Da muss ich da sein für die Kinder. Und es ist vor allem für die Kleinen eine Herausforderung, wenn die Mama nachts nicht da ist.“ Gleichzeitig schrumpft die gemeinsame Zeit als Paar, weil immer „irgendwer irgendwas braucht“.

Alle daheim und jetzt?
Bei Constanze Brzezinsky und ihrem Mann Philipp standen mit Beginn der Coronapandemie plötzlich die Kinder Elise (6) und Wilhelm (3) noch mehr im Mittelpunkt. Auch wenn für beide Eltern Homeoffice nichts Neues war. „Mein Mann und ich haben die ersten Wochen sehr gekämpft. Wir konnten vorher auch schon jederzeit von zuhause aus arbeiten. Aber jetzt gleichzeitig an Telefonkonferenzen teilnehmen? Die Kids bespaßen? Im ersten Lockdown war es mehr als eine Herausforderung und es dauerte nicht lange, da krachte es zwischen uns. So richtig.“ Inzwischen haben sich die Vier zusammengerauft und ihre Tage so geplant, dass für die Kinder und die beiden Hunde der Familie genügend Zeit bleibt. „Jeden Tag geht es mindestens einmal raus. Wenn wir das nicht haben, dann merken wir es richtig. Unsere Kinder ohne ,Lüften‘? Undenkbar! Das lockert den Tag und verschafft Abwechslung. Naja, auch mehr Arbeit, denn die Wäscheberge werden dadurch nicht weniger – aber was soll’s!“

Nur einzelne Freunde treffen
Annette Marketsmüller hat zwei Söhne mit fünf und neun Jahren. Die freischaffende Künstlerin bedauert wie alle Eltern, dass den Kindern die sozialen Kontakte fehlen. „Im Moment geht mein 5-jähriger Sohn in die Notbetreuung des Kindergartens, was ihm sehr gut tut.“ In Phasen, in denen er nicht in der Notbetreuung sein darf, ermöglicht ihm die Künstlerin Treffen mit einzelnen Freunden. Der ältere Sohn ist Viertklässler und hat Wechselunterricht. An Tagen mit Distanzunterricht begleitet er seine Mama ins Atelier und arbeitet dort für sich. „Am meisten fehlt das Training im Fußballverein, das für ihn, der sich stundenlang zurückziehen kann, ein wichtiger Ausgleich war. Er trifft sich mit einzelnen Freunden, aber er darf nicht mehr lernen, einen Platz in einer Gruppe zu finden.“ Mit Büchern, wenn möglich mit Museumsbesuchen und mit Rollerskate-Touren versucht sie einen Ausgleich zu schaffen.

Existenzsorgen

Marketsmüller ist selbstständig und leidet beruflich mehr als andere unter den Folgen der Pandemie. Ihre Malschule im Kreativquartier lief gut. „Nach einem Jahr Pandemie ist die Schule in finanziellen Schwierigkeiten, wie so viele Einzelunternehmen. Vor Ostern durfte ich eine einzige Woche öffnen und die Kinder in den neuen Kursen kennenlernen. Die Kinder haben gestrahlt, und die Eltern haben mir danach persönliche Nachrichten geschrieben, wie glücklich ihre Kinder waren. Die darauffolgende Woche war wieder geschlossen. Das macht mich sehr traurig.“

Kids und Corona
So wie die Eltern gehen auch die Kinder sehr unterschiedlich mit Corona um. Neißendorfers Sohn Anton weiß mit fünf Jahren sehr genau, was Corona ist: „Der Coronagruß, Ellbogen an Ellbogen, ist unter den Kids ganz normal. Er merkt auch, dass im Kindergarten weniger Kinder sind als sonst, wegen der Notbetreuung. Desinfektionsmittel und Masken waren für unsere Kinder schon immer etwas ganz Normales. Der Vorteil ist, dass wir Eltern Ärzte sind. Die Kinder hatten Spielzeugarztkoffer mit Stethoskop, Spritzen und Masken, die haben also schon vorher mit medizinischem Zeug hantiert. Insgesamt tun sich die Kinder leichter als wir Erwachsenen. Das liegt auch daran, dass der Kindergarten die Rettung ist. Da ist trotz Notbetreuung viel Normalität.“

Zuversicht und Frust

Auch Wilhelm und Elise, die drei und sechs Jahre alten Kinder der Brzezinskys kommen mit der Situation gut klar, berichtet Mama Constanze. „Einfach nur Klasse! Sie spielen sehr viel miteinander und beschäftigen sich hervorragend. Nicht immer, es gibt auch Tage voller Streit. Doch auch hier haben sie sich gegenseitig und zumindest das ist ein kleiner Trost. Oftmals ist der Frust da, wenn man die Oma doch nicht besuchen kann, da die Zahlen wieder steigen und das geliebte Hobby nicht ausgelebt werden kann. Doch das Verständnis für die Situation, der Wille alles dafür zu tun, dass es besser wird, das ist enorm. Oft schneiden mein Mann und ich uns hier eine Scheibe ab.“

Trotzdem zur Oma

Vielen Familien fehlt der Kontakt zu Freunden und vor allem zu Oma und Opa, die oft zu Risikogruppen gehören. Thomas Neißendorfer bedauert: „Die Großeltern sehen die Kinder seltener. Die wohnen auch weiter weg und gehören beide zu einer Risikogruppe.“ Tatjana Lang hat zusammen mit ihren beiden Kindern ihre über 70-jährige Mutter trotzdem besucht, allerdings mit Vorsichtsmaßnahmen: „Wenn wir meine Mama besuchen, die schon über 70 ist, dann machen wir von allen vorher einen Abstrich. Da gibt es auch keine Diskussionen.“

„Das packen wir“

Inge Holmheu ist so eine Oma. Die 86-jährige hat vier erwachsene Enkel und drei Urenkel im Kleinkindesalter. Sie wohnt im Seniorenzentrum am Hofberg und ist inzwischen geimpft. Doch schon zuvor wollte sie auf den Kontakt zu ihrer Familie nicht verzichten. „Mit der Familie hat sich das überhaupt nicht verändert. Meine Enkel und beiden Urenkel kommen am Donnerstag und die dritte sporadisch am Samstag. Meine Tochter arbeitet beim Arzt und wird getestet. Meine andere Tochter wird jetzt geimpft, mein Schwiegersohn ist schon geimpft.“ Sie berichtet aber von anderen älteren Damen im Haus, die stark unter der Einsamkeit leiden. Ihr selbst, sagt sie, fehlen nur das Einkaufen und die normalen Gottesdienste in der Kirche. Doch klagen möchte die rüstige Dame nicht. „Das Virus und die Mutanten, das beeinträchtigt einen schon. Ich bin aber kein Pessimist. Ich sage immer, das ist so, das muss sein, und das packen wir!“

Gemeinsamkeit stärkt

In den Familien ist auch zu spüren, dass die Beschränkung sogar positive Seiten haben kann. Eltern und Kinder lernen sich neu und besser kennen und rücken näher zusammen, wo sie sich nicht sowieso schon nah waren, wie bei Annette Marketsmüller: „Für meinen Mann und mich ist viel Zeit mit unseren Kindern schon immer das Allerwichtigste. Die Familie ist nicht mehr zusammengewachsen, als wie das auch zum Beispiel in einem Urlaub der Fall wäre.“ Tatjana Lang beobachtet, dass es mehr Miteinander gibt: „Das Gute ist, dass wir jetzt mehr Zeit gemeinsam verbringen. Was auch toll ist, dass wir am Wochenende öfter ausschlafen können, denn die BRK-Dienste fallen jetzt weg. Da ist alles viel entspannter, es gibt keinen Terminstress, und es bleibt mehr Zeit als Familie.“

Entschleunigt

Thomas Neißendorfer genießt trotz aller Mehrarbeit im Krankenhaus die Entschleunigung: „Diese Krise schweißt uns zusammen. Wir müssen da durch, und das stärkt den Zusammenhalt der Familie. Insgesamt wird man bescheidener. Uns ist es in Pfaffenhofen vorher schon gut gegangen, und es geht uns ehrlich gesagt auch vergleichsweise gut.“

Neues Miteinander

Die Brzezinskys haben sich wie viele andere nach Schwierigkeiten neu arrangiert. Und das hat sich gelohnt, wie Constanze sagt: „Trotz allem sind wir als Familie stärker denn je! Nie habe ich meine Kinder so viel beobachten können und so viel mitgenommen! Nie haben mein Mann und ich so offen gesprochen und uns gegenseitig mehr respektiert als zur derzeitigen Situation. Nie haben wir den Kindern mehr zugehört als jetzt. Und noch nie war uns bewusst, wie wichtig die kleinen Dinge im Leben sind.“

Nichts selbstverständlich
Und sie formuliert einen Wunsch, der auch bei den anderen Familien mitschwingt: „Ich hoffe sehr, wenn die Pandemie überstanden ist und wir mit dem Virus leben lernen, dass ich mich an all diese Gefühle erinnere und nichts mehr für selbstverständlich nehme!“

Die PAFundDU-Redaktion bedankt sich bei allen Müttern und Vätern für ihre Schilderungen und offenen Worte. Die Interviews sind in voller Länge unter www.pafunddu.de/27539 zu finden.

Autor:

PAF und DU Redaktion aus Pfaffenhofen

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