Projekt P: Pfaffenhofen bewegt - Lutz-Stipendiat Johann Reißer hielt eine gelungene Abschlusslesung

Lutz-Stipendiat Johann Reißer (Mitte) nach seiner Lesung mit Kulturreferent Steffen Kopetzky (links) und Jurymitglied Lenz Prütting.
 
Kulturreferent Steffen Kopetzky (links) im Gespräch mit Lutz-Stipendiat Johann Reißer.
Eine Kritik von Tristan Ebertshäuser:

Projekt P: Pfaffenhofen bewegt (Betonmassen und sich selbst vor allem in Autos fort)

Lutz-Stipendiat Johann Reißer hielt eine gelungene Abschlusslesung im Pfaffenhofener Rathaus-Festsaal

Neben Lyrik und Prosa aus seinem bisherigen Schaffen präsentierte er den Pfaffenhofenern seinen „Zwischenfall“ – den für das Stipendium obligatorischen und frisch vor Ort entstandenen Text mit Pfaffenhofen-Bezug


Als „in vielerlei Hinsicht faszinierende Schreckensvision“ bezeichnete Kulturreferent Steffen Kopetzky sichtlich begeistert „Projekt P“, den Pfaffenhofen-Text Johann Reißers. Der literarische Entwurf der Außensicht eines erst seit gut zwei Monaten in der Stadt weilenden Schriftstellers wusste an diesem Abend vieles miteinander zu verbinden: Literatur mit Musik, Realität mit Fiktion, Witz mit Weltschmerz, unreflektierte lokale Selbstverständlichkeiten mit dem Kuriositätsempfinden eines Beobachters von außen, Idylle mit Beton, Fortschritt mit Verlust, Fatalismus mit Hoffnung, Fremdsein mit Heimatgefühlen. Die Liste ließe sich noch eine Weile fortführen, doch der Reihe nach:

Im feierlichen Rahmen des Festsaals im Pfaffenhofener Rathaus konnte Steffen Kopetzky unter den literarisch interessierten Besuchern Bürgermeister Thomas Herker, Stadtrat Peter Feßl, den Leiter der Kreisbücherei Stephan Ligl und den in Göbelsbach wohnenden Theaterwissenschaftler und Philosophen Lenz Prütting begrüßen, der auch fester Teil der dreiköpfigen Jury zur Vergabe des Lutz-Stipendiums ist. Der Kulturreferent stellte für das Publikum zunächst noch einmal heraus, warum ausgerechnet der aus der Nähe von Regensburg stammende Wahl-Berliner Autor, Theatermacher und promovierte Literaturwissenschaftler Johann Reißer sich in der Fülle von circa 60 Bewerbern durchsetzte – und zwar völlig zu Recht, wie spätestens im Laufe des Abends allen Anwesenden klar werden sollte. Ein Grund war, dass Reißers literarisches Interesse zu einem nicht unwesentlichen Teil Bayern gilt, und zwar Bayern als einem sich stark verändernden Lebensraum. Sein jüngstes Projekt, ein Roman, an dem er auch während seines Aufenthalts in der städtischen Dichterwohnung im Flaschlturm weiterarbeitete, heißt „Land, Maschinen, Paradies“. Er spielt in seiner Heimat Ostbayern und schafft es in den Worten Kopetzkys „die Industrialisierung Bayerns als völlig neues literarisches Arbeitsfeld zu erschließen“.

Auf der Bühne (die sich Reißer an diesem Abend übrigens mit dem Pfaffenhofener Musiker Dominikus Dosh teilte, der den Literaten vortrefflich auf seiner Akustikgitarre begleitete) begann das Programm zunächst mit einem Gespräch zwischen Kopetzky und Reißer, das den Zuhörern die Möglichkeit gab, etwas mehr über den Autor, seinen Werdegang und seine Einstellung zur Literatur zu erfahren. „Zehn Jahre als Ministrant, sonst eigentlich nichts“, antwortete Reißer mit leichtem Grinsen auf die Frage nach seiner Ausbildung im Theaterbereich – ein Schaffensfeld, dem er sich wie auch der Musik während seiner Promotion in Berlin intensiv zu widmen begonnen hatte.

Wie jeder schnell bemerken konnte, der das Vergnügen hatte, ihn während seiner Zeit in Pfaffenhofen kennenzulernen, ist es ebendieser ironische, grundehrliche und durchaus fröhliche Humor, der den jungen Mann hinter der ernsten Fassade seiner oft fast melancholisch, doch stets neugierig wirkenden Augen und seines vollbärtigen Gesichtes auszeichnet. Die Frage, ob er denn ein „fröhlicher Autor“ sei, da sein ausgeprägter, vor allem in Musik und Theater, aber auch an diesem Abend (in Gestalt von Dominikus Dosh) zum Vorschein kommender Hang zur Kollektivarbeit ja dem gängigen Bild des einsamen Literaten widerspreche, beantwortete Reißer mit der Aussage, man brauche „wohl eine gute Mischung“. Und damit traf er ins Schwarze und nahm gewissermaßen den Inhalt der Lesung vorweg, denn eine Mischung war sie und definitiv eine gute.

Nach der in Wien spielenden Kurzgeschichte „Graitinger“, in der ein mindestens dem Blues verfallener, wenn nicht schon depressiver Kaffeehausbesitzer neuen Elan und Lebenssinn in der Fertigung von Schließungsschildern für sein Etablissement und im Erdenken täglich neuer, mal mehr mal weniger plausibler Schließungsgründe findet, folgten die zwei Gedichte „Hausen“ und „Türmen“. Reißers lyrische Texte waren dabei nicht wie die Kurzgeschichten von vereinzelten musikalischen Einspielern Doshs durchsetzt, sondern komplett unterlegt von dessen dezent gezupften, moll-lastigen Klangteppichen, die stilistisch zwischen klassisch, psychedelisch und fast volkstümlich im Dreivierteltakt daherkommend gratwanderten. Im multimedialen Zusammenspiel aus impulsivem Gedichtvortrag, Musik und visueller Stimulation durch ständig wechselnde Hintergrundbilder entstand so eine anziehende, bisweilen bittersüße Gesamtatmosphäre, die stark an die Lieder des kanadischen Dichters und Musikers Leonard Cohen erinnerte.

Schließlich kam der Punkt des Abends, auf den man als Pfaffenhofener wohl besonders gespannt war: Reißers im Geiste des Romans von Joseph Maria Lutz geschriebener „Zwischenfall“ war an der Reihe. Während des kompletten Vortrags prangte ein Bild eines großformatigen städtischen Plakats im Hintergrund: „Pfaffenhofen an der Ilm – Guter Boden für große Vorhaben“ – Diesen Slogan nahm der Autor im Folgenden äußerst wörtlich.

Der Text mit dem Titel „Projekt P“ handelt von einem Landscape-Scout der Liu-Company, eines riesigen chinesischen Automobilherstellers, der ausgerechnet Pfaffenhofen als Standort für die Produktion seines neuen E-Cars auserkoren hat. Der Protagonist wird quasi undercover nach Pfaffenhofen geschickt, um die örtlichen Begebenheiten für die Pläne des Großinvestors vorab auszukundschaften. Die sehen nämlich vor, die Kleinstadt begleitet von einer großangelegten PR-Offensive kurz, schmerzlos und umfassend an sich zu reißen.

Dieses Setting war geschickt gewählt, ließ es dem Autor doch die Möglichkeit, allerhand persönliche Eindrücke und skurrile Beobachtungen aus der Stadt in seinen Text einfließen zu lassen. Ob ausschließlich leer umherfahrende, möglicherweise für Geister reservierte Stadtbusse, die „Betonburg Sparkasse“, das „chinesisch-mongolische Restaurant neben dem Betonwerk“, das neue Betonschiff auf der Insel, das zum Wohnort des Protagonisten wurde, die „zwei großen Leidenschaften der Stadt“ (Bauen und Autofahren) oder die Vorstellung, von Pfaffenhofen aus zunächst Audi und Ingolstadt und dann den kompletten Weltmarkt zu schlucken – Reißer gelang es mit viel Witz und Fantasie, dem einheimischen Zuhörer eine exklusive, andere Perspektive auf Pfaffenhofen zu vermitteln, die reale und fiktive Elemente, Dystopie und Utopie miteinander verband.

Beispielhaft auch für die anderen Texte des Abends vermengten sich bei „Projekt P“ Wehmut ob der Veränderung und fortschreitenden „Betonisierung“ einer vormals idyllischen Lebenswelt mit einem teils ernst, teils zynisch, manchmal naiv und grundlos erscheinenden Fortschrittsoptimismus. Die Erzählung gewann ihre Energie dabei aus ebendiesen Spannungsfeldern. Im Rahmen des überschaubaren, lokalen Kontexts der Erzählung materialisierten sich so vor dem inneren Auge die großen immerwährenden Konflikte zwischen globalisierter Welt und regionaler Identität, Diskontinuität der Umstände und Kontinuität der Mentalität, Tradition und Moderne.

Außerdem wurde ein weiteres Talent Reißers offensichtlich: Er schafft es, seine Figuren, die Gesichter der Geschichte, trotz aller Kürze so prägnant und griffig zu zeichnen, dass man am liebsten noch mehr über sie erfahren hätte, sei es der Strategiechef und Ex-Punk „Doc Doom“, der PR-Chef, ein Münchener Yuppie par excellence, oder die exzentrischen Industriellen, Kunstmäzene und Unternehmenschefs des parasitären Automobilherstellers selbst, „die Lius“.

Nach einem ausgiebigen Applaus für „Projekt P“ folgten zum Abschluss noch das Gedicht „Die Spur des Drachen“, einige herzliche Dankesworte von Steffen Kopetzky sowie eine Einladung zu einer weiteren Lesung, sobald der Roman „Landmaschinenparadies“ denn abgeschlossen ist. Am Ende eines spannenden Abends, der von dem Amoklauf in München überschattet wurde, musste man wohl wie Steffen Kopetzky in vielerlei Hinsicht fasziniert von dieser Lesung zurückbleiben, etwas unschlüssig, ob man das Gehörte nun traurig oder witzig fand. Die beste Antwort lautet wohl: eine gute Mischung aus beidem.

Text und Fotos: Tristan Ebertshäuser
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