Mit Video: 70 Jahre Flucht und Vertreibung – Interessante Buchvorstellung und sehenswerte Ausstellung im Rathaus

Die Buchvorstellung und Ausstellungseröffnung besuchten viele Bürgerinnen und Bürger am Freitagabend.
 
Die Ausstellung ist noch bis einschließlich 3. Dezember im Rathaus zu sehen.
70 Jahre ist es her, dass mehrere Tausend Flüchtlinge und Heimatvertriebene aus den deutschen Ostgebieten in die Stadt und den Landkreis Pfaffenhofen kamen. Was das in der schweren Nachkriegszeit bedeutete, vor welchen Herausforderungen Einheimische und Vertriebene standen und wie die Probleme schließlich bewältigt wurden und die Integration letztlich gelang – damit beschäftigt sich die Stadt Pfaffenhofen in diesen Wochen mit dem Projekt „70 Jahre Flucht und Vertreibung“. Stadtarchivar Andreas Sauer hat ein Buch zu dem Thema verfasst, eine historische Ausstellung ist im Rathaus zu sehen und am kommenden Sonntag, 13. November, sind alle Interessierten zum „Tag der (neuen) Heimat“ eingeladen.

Am Freitagabend, 4. November, stellte der Historiker Andreas Sauer M.A. sein Buch „Entwurzelt – unterwegs – angekommen: Flucht und Vertreibung in Stadt und Landkreis Pfaffenhofen a. d. Ilm 1945/46“ im fast vollbesetzten Festsaal des Rathauses vor. Unter den Gästen konnte Bürgermeister Thomas Herker zahlreiche Heimatvertriebene begrüßen und einige von ihnen nutzten im Anschluss an die Buchvorstellung auch die Gelegenheit, ihre eigenen Erlebnisse und Erfahrungen der Nachkriegszeit zu schildern.

„Flucht und Vertreibung bedeuten massive Einschnitte in persönliche Biographien. Und sie haben Pfaffenhofen enorm verändert“, erläuterte Andreas Sauer und ging auf die wichtigsten Kapitel seines Buches ein. Ein wichtiger Quellengeber für ihn war der Hauptlehrer Otto Stumm, der in 50 Tagebüchern viel Zeitgeschichtliches festgehalten hat. Bereits ab 1943 mussten rund 4.000 Evakuierte bzw. Ausgebombte im Landkreis Pfaffenhofen untergebracht werden. Ab dem Januar 1945 kamen dann zahlreiche Flüchtlinge, vor allem aus Schlesien und Ostpreußen, die vor der Roten Armee geflohen waren. Und im März 1946 setzte ein großer Zustrom von Vertriebenen, zum Großteil aus der heutigen Tschechei, ein. Stadt und Landkreis Pfaffenhofen erlebten damals einen immensen Bevölkerungszuwachs, der die Verantwortlichen ebenso wie die Bevölkerung vor große Aufgaben stellte. Leidtragende waren vor allem die Flüchtlinge und Vertriebenen, die ihre Heimat und ihren Besitz verloren hatten und quasi vor dem Nichts standen. Die Unterbringung und die Versorgung waren die größten Herausforderungen, gefolgt von der Schaffung von Arbeitsplätzen und Zukunftsperspektiven. Erst in den 50er-Jahren erleichterte der wirtschaftliche Aufschwung die Integration und erst 1958 konnten die letzten Flüchtlingsbaracken an der Kellerstraße abgebrochen werden.

Die Stadt stellt sich ihrer Geschichte

„Die Stadt Pfaffenhofen stellt sich ihrer Geschichte“, betonte Bürgermeister Herker, und zwar nicht erst mit dem Projekt „Flucht und Vertreibung“, sondern auch bereits mit Reinhard Haipliks Buch „Pfaffenhofen unterm Hakenkreuz“ und mit dem Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus am Haus der Begegnung. „Geschichte darf nicht verloren gehen und wir müssen unsere Schlüsse daraus ziehen“, meinte Thomas Herker, und in diesem Zusammenhang sei es wichtig, Zeitzeugen zu Wort kommen lassen.

Genau das ist auch ein interessanter Bestandteil der Ausstellung, die derzeit im Pfaffenhofener Rathaus zu sehen ist: Schüler der letztjährigen 10. Jahrgangsstufe des Schyren-Gymnasiums haben mit ihrem Lehrer Richard Fischer eine Reihe von Zeitzeugen befragt, die als Kinder oder Jugendliche aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Diese Zeitzeugen-Berichte sind nicht nur auf Ausstellungstafeln zusammengefasst, sondern auch ganz authentisch als Audiodateien zu hören.

Bürgermeister Thomas Herker schlug einen Bogen von den Herausforderungen vor 70 Jahren zur aktuellen Flüchtlingssituation. „Heute gelten zwar ganz andere Bedingungen, aber der Kern, was im Menschen vorgeht, ist derselbe, denn wieder müssen Menschen ihre Heimat verlassen. Wir sind heute wieder gefordert, doch heute sind die Probleme ungleich leichter zu bewältigen – auch wenn der kulturelle Hintergrund ein anderer ist.“ Und er fügte hinzu: „Rückblickend ist die Integration gut geglückt. Ob das auch heute gelingt, liegt immer am Menschen, an uns selbst.“



Tag der (neuen) Heimat am 13. November
Als nächste Veranstaltung im Rahmen des Projekts „Flucht und Vertreibung“ steht am kommenden Sonntag, 13. November, um 18 Uhr ein Festabend zum „Tag der (neuen) Heimat“ auf dem Programm, der in Kooperation mit dem Bund der Vertriebenen im Festsaal des Rathauses stattfindet. Alle Interessierten sind dazu bei freiem Eintritt eingeladen. Zuvor wird um 17.15 Uhr eine bronzene Gedenkstele vor dem Haus der Begegnung enthüllt.

Bei der Festveranstaltung wird es, neben der Ansprache des Landesvorsitzenden des Bundes der Vertriebenen, Christian Knauer, auch einen Zeitzeugenbericht von Leo Schurius, dem Obmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft, sowie einen Lichtbildvortrag von Andreas Sauer geben. Für musikalische Unterhaltung sorgen die Auftritte der Böhmerwald Sing- und Volkstanzgruppe und des Offenen Singkreises des Seniorenbüros.

Andreas Sauers Buch „Entwurzelt – unterwegs – angekommen: Flucht und Vertreibung in Stadt und Landkreis Pfaffenhofen a. d. Ilm 1945/46“ ist zum Preis von 14,95 Euro im örtlichen Buchhandel, beim Pfaffenhofener Kurier und im Bürgerbüro im Rathaus zu haben. Bei der Buchvorstellung am vergangenen Freitag stieß es bereits auf großes Interesse und auch beim „Tag der (neuen) Heimat“ ist es erhältlich.

Ausstellung läuft bis 3. Dezember

Die historische Ausstellung im Foyer und im ersten Stock des Pfaffenhofener Rathauses ist bis einschließlich Samstag, 3. Dezember, zu den Öffnungszeiten des Bürgerbüros zu sehen: montags von 8 bis 16 Uhr, dienstags, mittwochs und freitags von 8 bis 12 Uhr, donnerstags von 7 bis 18 Uhr sowie jeden ersten und dritten Samstag im Monat von 9 bis 12 Uhr.
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