Flucht und Vertreibung in Stadt und Landkreis 1945/46. Weichenstellungen in Pfaffenhofen vor 70 Jahren

Die Baracken des aufgelösten weiblichen Reichsarbeitsdienstes an der Ziegelstraße dienten ab 1945 der langfristigen Unterbringung von über 100 Flüchtlingen und Heimatvertriebenen (ca. 1940).
 
Öffentlicher Aufruf in der Amtszeitung vom 7. November 1946 an die Bevölkerung, durch Spenden zur Linderung der Not beizutragen.
 
Blick auf eine der Baracken an der Ziegelstraße. In den größeren Baracken etablierten sich Unternehmen und wurden in den Nachkriegsjahren, zum Teil darüber hinaus, zu wichtigen Arbeitgebern in schwierigen wirtschaftlichen Jahren (ca. 1955).
„Ich weiß, daß Überfluß nirgends mehr vorhanden ist, daß nichts mehr gespendet werden kann, sondern daß geopfert werden muß. Alle werden anerkennen, daß die Ausgewiesenen und Flüchtlinge das bitterste Los in der allgemeinen Not zu tragen haben, weil sie neben Hab und Gut und Existenz auch noch die Heimat verloren haben. Jetzt müssen wir teilen, nicht nur unser Land, das den Ausgewiesenen und Flüchtlingen zur Heimat werden soll, unser Brot, unsere Wohnung und Einrichtung.“ In einem Appell an die Landkreisbewohner charakterisierte Landrat Franz Edler von Koch im Dezember 1946 mit diesen Worten die Situation in Stadt und Landkreis Pfaffenhofen und die bevorstehenden Herausforderungen für die kommenden Jahre.

Von Kochs Aufruf, den der Landrat gemeinsam mit Bürgermeister Willi Stocker und dem damaligen Kreisflüchtlingskommissar Johannes Ullmann, verfasst hat, charakterisiert treffend die durch das Ende des Zweiten Weltkriegs eingeleiteten Entwicklungen, die Deutschland und insbesondere den Freistaat betrafen.

Die Aufnahme von einer großen Anzahl von Menschen, für die kein Wohnraum und keine Versorgungsgüter zur Verfügung standen, die entwurzelt und ohne Hab und Gut aus ihrer Heimat vertrieben wurden, bildete den Schlusspunkt der bis dahin größten Zwangsumsiedlung von Menschen in der Geschichte. Die 1945 und 1946 unter Mitwirkung der Siegermächte zugelassenen Vertreibungen von über 12 Millionen Menschen sollten massive Auswirkungen auf die Neuordnung Europas und die Entwicklung des deutschsprachigen Raums haben.
Auch Stadt und Landkreis Pfaffenhofen waren von dieser Entwicklung betroffen. Um zeitweise mehr als ein Drittel erhöhte sich die Bevölkerungszahl. In die Region kamen Menschen die alles verloren hatten: ihre Heimat, ihren Besitz, Angehörige, ihr gesamtes vertrautes Umfeld. Zudem hatten sie traumatische Erlebnisse während der Flucht oder Vertreibung zu verkraften. Die Anwendung von Gewalt, Erniedrigung, Hunger und Kälte belasteten die Menschen zusätzlich immens. Sie sollten in ein Land kommen, das von den Kriegsauswirkungen massiv betroffen war, dessen Infrastruktur zerstört, dessen Versorgung gefährdet war und dessen Bevölkerung aufgrund der eigenen Not den neu Ankommenden ablehnend gegenüber stand.

Der Zustrom von über 14.000 Menschen in den Landkreis sollte sich als große Belastungsprobe erweisen. Es galt, mit fremden Menschen das wenige, das man hatte, zu teilen. Distanz bis hin zu offener Ablehnung waren deutlich zu spüren. Vor dem Hintergrund einer erst im Aufbau befindlichen Verwaltung, die noch nicht reibungslos funktionieren konnte, entwickelten sich auf mehreren Ebenen Konfliktherde. Die seit 1945 in Bayern maßgebende US-Militärregierung verschärfte die Wohnungsfrage durch Beschlagnahmungen von Häusern, die zur Regelung der Flüchtlingsproblematik eingesetzten Flüchtlingskommissare gerieten häufig zwischen die Interessen von Einheimischen und Neubürgern und die Spannungen zwischen Einheimischen und Vertriebenen bauten sich erst nach Jahren ab.

Ungeachtet der katastrophalen Rahmenbedingungen gab es in Stadt und Landkreis jedoch positive Signale, die die gewaltigen Schwierigkeiten überwinden halfen. Karitative Einrichtungen organisierten bereits ab 1945 erfolgreiche Sammlungen zugunsten der betroffenen Personen, um die größte Not zu lindern. Vielfach stellte die Bevölkerung, die selbst unter der allgemeinen Not zu leiden hatte, Geld und Einrichtungsgegenstände zur Verfügung.

Die Unterbringung der Vertriebenen in Massenlager und in hölzernen Baracken an der Kellerstraße und an der Schießstätte prägte die Nachkriegsjahre Pfaffenhofens. Die Überwindung der untragbaren Wohnverhältnisse der dort untergebrachten Menschen war vorrangige Aufga-be der Verantwortlichen. Sie sollte mehr als zehn Jahre in Anspruch nehmen, ehe die Baracken aufgelöst werden konnten.

Wirtschaftliche und gewerbliche Initiativen seitens der Flüchtlinge und Vertriebenen förderten bereits 1946 erstaunliches wirtschaftliches Potential zu Tage. Technische Fertigungsstätten mit bis zu 80 Beschäftigten, Werbeagenturen, aber auch das klassische Handwerk zählten zum Repertoire der Neubürger. Anfangs entwickelten sie interne Netzwerke, beschäftigten vom gleichen Schicksal Betroffene und unterstützten sich gegenseitig. Bald brachen die Schranken jedoch auf und auch die einheimische Bevölkerung vergab Aufträge an die neu gegründeten Betriebe. Unterbrochen von der Währungsreform von 1948 mit ihrer nachteilig wirkenden Abwertung von Sparguthaben etablierten sich in Pfaffenhofen damit wichtige Unternehmen, die in wirtschaftlich schwieriger Zeit Arbeitsplätze schufen.

Neben dem Wohnungsbau bildete der problematische Arbeitsmarkt die größte Herausforderung. Die Heimatvertriebenen konnten zumeist nicht in ihrem erlernten Beruf arbeiten und mussten zunächst durch Tätigkeiten in der Landwirtschaft oder auf dem Bau ihr Überleben sichern. Jahrelang bestand durch die hohe Arbeitslosigkeit sozialer Sprengstoff im Landkreis, der sich auch in einer Demonstration von Heimatvertriebenen vor dem Landratsamt im Jahr 1948 manifestierte.

Die Integration der Heimatvertriebenen benötigte Zeit. Abwertend als „Barackler“ oder „Flüchtlinge“ bezeichnet, war im Alltag häufig Ablehnung und Widerstand zu spüren. Für die Heimatvertriebenen war dies angesichts des Erlebten in den Jahren 1945 und 1946 eine zusätzliche Belastung. Vielen von ihnen gelang es jedoch, sich durch Mitarbeit bei der Ernte und Mitwirken in Vereinen zunehmend Respekt und Anerkennung zu verschaffen. Anfänglich kritisch beäugte Heiraten zwischen Einheimischen und „Flüchtlingen“ wurden nach einigen Jahren zur Normalität.

Die Integration der mittleren und jüngeren Generation ging sehr schnell von statten. Über das Arbeitsleben, die Vereine der Stadt und die Schulen waren Hindernisse bald abgebaut. Schwieriger hatten es in den Nachkriegsjahren die Älteren unter den Vertriebenen. Sie waren und blieben ihrer Heimat stark verhaftet, suchten in der Vergangenheit Halt und konnten nicht verstehen, dass eine Rückkehr in ihre Herkunftsgebiete nicht mehr möglich war. Ihnen halfen die landsmannschaftlichen Verbände in Pfaffenhofen, in denen heimatliche Kultur und Brauchtum gepflegt und erhalten wurden. Hier konnte die ältere Generation ein Stück der vertrauten Heimat bewahren und Erinnerungen lebendig halten. Zugleich boten landsmannschaftliche Vereine wie die „Eghalanda Gmoi“, der Verband der Schlesier oder die „Sudetendeutsche Landsmannschaft“ die Möglichkeit, den politisch brisanten Anspruch auf die Rückgewinnung der alten Heimat aufrecht zu erhalten und diese Option auszusprechen.

Mit dem einsetzenden und ab Mitte der 1950er Jahre anspringenden Wirtschaftswunder gelang die endgültige Integration der Vertriebenen. Arbeit für alle, menschenwürdige Wohnungen und eine sichere Perspektive standen jetzt der gesamten Bevölkerung in Westdeutschland in Aussicht. Auch in Pfaffenhofen verwurzelte die nachwachsende Generation der Vertriebenen mit ihrer neuen Heimat, wo sie materielle Sicherheit über einen festen Arbeitsplatz vorfand, ein Eigenheim errichten konnte und Familien gegründet wurden.
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