Tierrettung: Schlimme Bilder, noch schlimmere Zustände

 
"Nächste Station: Kaninchen-Paradies!" In 14 Transport-Containern fahren 22 Kaninchen in der Tierherberge vor. Und atmen zum ersten Mal in ihrem Leben frische Luft
 
Einzige Lichtquelle dieser Behausung ist hier der Blitz der Kamera. Wurde die Tür geschlossen, war es drinnen stockdunkel
Pfaffenhofen an der Ilm: Tierschutzverein |

Der Tierschutzverein Pfaffenhofen hilft bei der Rettung verwahrloster Tiere

Wenn Mitarbeiter der Tierherberge Pfaffenhofen ausrücken zu einem Fall von „Animal Hoarding“, erwartet sie selten ein erfreulicher Tag. Seelisch und moralisch entsprechend vorbereitet machten sie sich auch am Freitag auf den Weg. Und rechneten mit schlimmen Bildern.
Es wurde schlimmer, wie sich bald zeigte.

Animal Hoarding bedeutet übersetzt etwa das Sammeln oder das Horten von Tieren. Eigentlich nichts Besonderes, oder? Leider doch. Meist geht es dabei um viele Tiere. Viel zu viele Tiere. „Das geht häufig einher damit, dass diese falsch verstandene 'Sammelleidenschaft' aus dem Ruder läuft“, erklärt ein Sprecher der Herberge. Die Besitzer werden den Anforderungen der Tiere nicht mehr gerecht, vernachlässigen sie, füttern und pflegen sie nicht artgemäß. Kurz, die Tiere verwahrlosen. Bis hin zu dem Punkt, an dem sie verhungern, verdursten, an Krankheiten sterben. Sogar unmittelbare Nachbarn bekommen häufig keinen Wind davon, welches Tierleid sich in ihrer Nähe abspielt. Bis es irgendwann anfängt zu riechen.

An diesem Freitag hatte das Veterinäramt des Landkreises den Pfaffenhofener Tierschutzverein um Hilfe gebeten. Im Raum Pfaffenhofen stehe eine Räumung bei einem Hasenzüchter an. Bereits tags vorher waren leitende Mitarbeiter des Veterinäramtes vor Ort gewesen, dort allerdings von einem Bewohner beschimpft und massiv bedroht worden. Sie mussten aus Gründen der eigenen Sicherheit unverrichteter Dinge wieder abziehen. Beim zweiten Versuch sollten die Tierschützer die Beamten begleiten. Zur Sicherheit aller Beteiligten wurden zusätzlich drei Polizeibeamte zugezogen. „Es war unbeschreiblich“, schildert die Vorsitzende des Tierschutzvereins, Manuela Braunmüller ihren ersten Eindruck. „In einem fensterlosen Raum standen übereinander winzige, verrottete Holzkäfige, in denen über 20 Kaninchen saßen. Teilweise waren erwachsene und junge Tiere zusammengepfercht. Zusätzlich hielten sich auch Hühner und Enten in diesem Raum auf. Eine Ente brütete direkt neben der Tür. Vor der Tür eine Kiste, in der ein bereits mumifiziertes Huhn lag. Ebenfalls in dieser Kiste, direkt neben dem Kadaver, einige, wie die Besitzerin der Tiere es formulierte: ‚frische Eier‘. Je länger wir uns in diesem Raum aufhielten, desto beißender wurde der Ammoniak-Gestank. Wir mussten immer wieder den Raum verlassen, um Frischluft zu atmen.“


Rettung in letzter Minute

In den meisten Käfigen hatte sich eine rund 30 cm hohe, festgepresste Schicht aus Heu und Exkrementen gebildet, auf denen die Tiere auf ihren eigenen Ausscheidungen sitzen mussten. Weil sie krank waren, so die Entschuldigung der Besitzer, seien die Ställe zuletzt im April ausgemistet worden. Zum Teil mussten die Jungtiere freigeschaufelt werden aus Höhlen, die sich unter dieser stinkenden, gärenden, teils verschimmelten Schicht befanden. Die Tiere konnten sich in ihren Gefängnissen kaum bewegen. Dank des routinierten Einsatzes der Amtstierärzte waren nach rund einer Stunde alle 22 Kaninchen aus ihrer jämmerlichen Lage befreit. Alle Kaninchen wurden in die Tierherberge Pfaffenhofen gebracht Dort weiß man allerdings kaum, wo man sie unterbringen soll. „Dankenswerterweise haben die Kollegen des Tierschutzvereins Freising sich spontan bereiterklärt, einen Teil der Tiere zu übernehmen“ sagt Manuela Braunmüller. „Leider schmälert diese Hilfe der Kollegen unser Platzproblem wohl nur vorübergehend. Weil die unkastrierten Rammler mit den weiblichen Tieren gemeinsam untergebracht waren, sind einige der Weibchen bereits wieder trächtig.“ Offenbar erfolgte der Einsatz in letzter Minute: Laut Halter waren die Tiere bereits für den Nachmittag des Tages zur Schlachtung angemeldet. Da schon am Vortag eine Besichtigung durch das Veterinäramt durchgeführt worden war, hatte der Besitzer noch am gleichen Tag die ersten Kaninchen zum Schlachten gebracht, um sie vor dem Zugriff der Amtstierärzte zu „bewahren“
.

Momentan gehe es den Kaninchen bis auf ein paar kleinere Blessuren den Umständen entsprechend gut, so der aktuelle Bericht aus der Tierherberge. Was für andere Tiere selbstverständlich ist, empfänden diese Kaninchenoffensichtlich als Wellness pur. Die Mitarbeiter freuen sich mit: „Diese Tiere sehen zum ersten Mal in ihrem Leben Tageslicht und atmen frische Luft.“

Dem bisherigen Besitzer fehle nach wie vor Einsicht und jedes Unrechtsbewusstsein, was sein Tun betrifft. Im Gegenteil. Beim zweiten unangemeldeten Besuch des Veterinäramtes drohte er dem Amtsleiter sinngemäß, es werde beim nächsten Mal nicht mehr so gut für ihn aussehen.

Dem Eigentümer wird nun vom Veterinäramt ein Halteverbot für Kleintiere auferlegt, auch der Tierschutzverein wird Anzeige erstatten wegen des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz. In Paragraph 2 Tierschutzgesetz, Absatz 1 heißt es: „Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen.“

Doris Siegenthaler-Braun ist seit einem Jahr Mitarbeiterin in der Tierherberge. Sie ist für Kleintiere zuständig, und war zum ersten Mal bei einem solchen Einsatz dabei. Trotz der schrecklichen Bilder zieht sie für sich eine gute Bilanz: "Die Damen und Herren vom Veterinäramt handelten absolut souverän in dieser Angelegenheit. Ich war erleichtert und wirklich beeindruckt. Ein tolle Zusammenarbeit zum Wohl der Tiere!“ Dann lächelt sie. „Und ich durfte dabei sein.“


Wie geht es weiter?

Noch am Wochenende wurden die Kaninchen von einer Tierärztin in der Herberge erstmals untersucht, gegen Parasiten behandelt und geimpft gegen die Kaninchenseuchen RHD und Myxomatose. Die erwachsenen Kaninchen werden bereits im Laufe dieser Woche kastriert; die Jungtiere folgen, sobald sie alt genug sind. „Wir können also recht bald die ersten Tiere vermitteln“, verspricht Sandra Lob, die Leiterin der Tierherberge.
Ausgeschlossen sei eine Abgabe in Einzel- oder Käfighaltung. Stattdessen sollen die Tiere – endlich – in großzügigen, artgerecht eingerichteten Gehegen leben dürfen, die gesichert sind gegen Marder und Füchse. Außerdem sollen sie Tag und Nacht Rückzugsmöglichkeiten unter anderem gegen Wind und Wetter haben. Lob runzelt die Stirn: „Dass die geretteten Tiere keinesfalls in einem Kochtopf landen werden, versteht sich wohl von selbst.“

Wer Interesse hat an den Kaninchen, bekommt weitere Informationen (und auf Wunsch gerne einen "Besuchstermin") bei der Tierherberge Pfaffenhofen u.U. e.V., An der Weiberrast 2, 85276 Pfaffenhofen. Telefon: 08441 / 490 244
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